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Start Erzählbistro – Interview mit dem Initianten und Unterstützer/innen

Herr Allemann, Sie haben als Betroffener das Projekt Erzählbistro lanciert. Wie kamen Sie auf die Idee?

Das Unrecht wurde nun anerkannt, die Entschuldigungen ausgesprochen und der Solidaritätsbeitrag bereitgestellt. Bis jetzt wurde indessen für die Linderung des Leids und der seelischen Schmerzen der ehemaligen Verding- und Heimkinder und der anderen Betroffenen erst wenig vorgekehrt.

Sich mit anderen Betroffenen zu treffen und auszutauschen, kann dazu ein Anfang sein. Ich habe erlebt, wie an solchen Zusammenkünften plötzlich viele angeregt wurden, über sich selbst nachzudenken. Und sie konnten Scham und Schuld abwerfen und eigene Kräfte und Kreativität finden und freimachen. In einer frohen Stimmung mit Humor und Lachen wurden schwere Erlebnisse und niederdrückende Gedanken für einige etwas leichter. Mehr innere Freiheit und Selbstregulation soll mit dem Erzählbistro angestrebt werden, auch wenn es nur für einen Tag ist. 

 

Frau Nationalrätin Schneider Schüttel, Sie stellen den Bezug zur Politik sicher. Weshalb ist das Projekt Erzählbistro bedeutsam?

In meiner Tätigkeit als Politikerin und als Präsidentin eines Vereins für Betroffene habe ich Menschen kennen gelernt, die durch fürsorgerische Zwangsmassnahmen viel Schlimmes und Erschütterndes erlebten. Das Angebot des Erzählbistros richtet sich direkt an die einzelnen Betroffenen, es kann ihnen ganz persönlich etwas bringen. Die betroffenen Menschen haben oftmals das Bedürfnis, über ihr Leben zu berichten, das Geschehene zu erzählen oder aber einfach nur mit anderen zu sprechen, die eine ähnliche Vergangenheit haben. Solche Gespräche können für die Betroffenen erleichternd und befreiend sein. Ich unterstütze daher die Idee, ihnen Räume für Begegnungen und Möglichkeiten für Gespräche zu bieten – Orte, wo man sich unter einander austauschen kann, wo Gefühle ihren Platz haben, wo man gemeinsam wütend sein, gemeinsam weinen, aber auch gemeinsam lachen und sich an einem guten Tag erfreuen kann.

 

Guido Fluri, als Initiant der Wiedergutmachungsinitiative engagieren Sie sich jetzt für das Erzählbistro. Warum?

Das Engagement für die Betroffenen ist für mich mit dem erfolgreichen Abschluss der Initiative keineswegs beendet. Ich habe die Betroffenengruppen bereits vor der Wiedergutmachungsinitiative unterstützt und es ist mir ein Anliegen, auch nach der Initiative für Sie da zu sein. Das Erzählbistro ist für mich das logische Nachfolgeprojekt: Nach dem öffentlichen Kampf für Gerechtigkeit geht es jetzt darum, dass sich die Betroffenen Zeit für sich selber nehmen und ihre Geschichte in einem geschützten Rahmen mit anderen aufarbeiten können. Dabei ist für mich klar: Diese Treffen sollen auch Freude bereiten. Darum lancieren wir das Erzählbistro mit einem Sommerfest in Mümliswil, zu dem alle Betroffenen von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen herzlich eingeladen sind.

 

Frau Praz, als Historikerin haben Sie einen eigenen Blick auf die Geschichte. Welche Bedeutung hat das Austauschprojekt Erzählbistro Ihrer Meinung nach?

Vor allem bietet dieses Projekt den betroffenen Personen einen Treffpunkt und Ort zum Austausch, was zur gegenseitigen Unterstützung unerlässlich ist. Zudem dient es als Ort der Begegnung mit der Zivilgesellschaft und den Behörden sowie mit Sozialhilfebeauftragten und Forschern, die heute im Bereich der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen tätig sind. Denn mit Wiedergutmachung allein ist dieses Thema nicht abgeschlossen. Die Problematik muss weiterverfolgt werden, um eine Wiederholung der Fehler der Vergangenheit zu vermeiden.

 

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